WIR BRAUCHEN DIESE «UNTERSTÜTZUNG» NICHT!

Erklärung ukrainischer Linker über das Verhalten der Roten Hilfe »Nihilist« 16.12.2014

 

Die Redaktion von Nihilist.Li will betonen, dass im Prozess des Koordinierens dieses Schreibens, verlor sie massiv an seiner Schärfe. Es ist wahrscheinlich, dass einige Unterzeichnende die Gelegenheit beibehalten wollen, den Dialog mit dem rot-braunen Querfront in der Zukunft noch führen zu koennen. Wir schließen die Möglichkeit
einen solchen Dialogs aus. Im Frühling konnte mensch die Unterstützung von Borotba und anderen pro-russischen rot-braunen Querfront-Vertreter*innen wegen des Mangels an Informationen noch als Fehler abtun. Heute ist es aber eine klare politische Positionierung, für die eine Verantwortung getragen werden muss.

 

Eine der schwersten Erfahrungen, die wir ukrainischen Linken 2014 gemacht haben, liegt wohl in der Reaktion von breiten Kreisen der westlichen Linken auf Ereignisse in unserem Land. Das Bild war für viele von euch ziemlich eindeutig. Es handle sich um einen coup d’etat mit westlicher Unterstützung, im Zuge dessen eine extrem-rechte Regierung oder gar eine »faschistische Junta« an die Macht kam, die gleich mit der Repression gegen linke und progressive Kräfte anfing und russischsprachige »Minderheit« unterdrückte. Dieser Interpretation zufolge löste es des Weiteren eine gerechtfertigte Reaktion von Russland auf der Krim sowie einen »antifaschistischen Aufstand« im Donbass aus. Aus der Vogelperspektive gesehen handle es sich um einen »geopolitischen Konflikt« zwischen NATO und EU auf der einen und Russland auf der anderen Seite, wobei westliche Mächte mit ihren ungerechtfertigten, ja übertriebenen Machtansprüchen und angesichts der verheerenden Folgen ihrer »Agression« gegen Russland eine eindeutig unrühmliche Rolle gespielt haben.

Menschen selbst, die das Land bevölkern, geraten in diese Perspektive wohl nur als Objekte geopolitischer Spiele in den Blick. Sie sind in Ordnung, wenn sie mit ihrer Zugehörigkeit zum »richtigen« Einflussbereich zufrieden sind. Im schlimmsten Fall werden sie dagegen von außen manipuliert und machen so etwas wie Maidan. In diesem Interpretationsrahmen erkennt man die Menschen nicht als vollwertige politische Subjekte, die einer eigenständigen kollektiven Handlung fähig sind, und will sie als solche nicht anerkennen.

Je geschlossener ein ideologisches System ist, desto schwerer ist es zu durchdringen. Jede beliebige »fremde« Meldung wird in seinem hermetischen Rahmen so wahrgenommen, dass das zu Grunde liegende Weltbild dadurch nur bestätigt wird. Die Voraussetzung dafür ist, dass ein Dialog mit der Außenwelt ausgeschlossen wird. Das Ziel dieser Erklärung ist das Zweifache. Wir würden gerne mit denjenigen kommunizieren, die bereit sind uns zu hören. Aufgrund der Erfahrungen, die wir mit den westlichen Linken inzwischen gemacht haben, sind wir andererseits nicht mehr so naiv, um zu glauben, dass wir wirklich viele von euch überzeugen können. Von den letzteren möchten wir uns klar und ausdrücklich distanzieren. Denjenigen unter den deutschen Linken, die in Worten von Zbigniew Kowalewski »mit Waffen und Gepäck auf die Seite des russischen Imperialismus« übergetreten sind, verbieten wir für uns und in unserem Namen zu sprechen. Ihr könnt einstehen wofür ihr wollt, aber eure Bevormundung könnt ihr euch ersparen.

Insbesondere in der deutschen Linken war die Reaktion auf Maidan und darauf folgende Ereignisse katastrophal. Leider macht dabei auch die Rote Hilfe keine Ausnahme. Im Sommer dieses Jahres organisierte die Rote Hilfe eine Infotour mit »Antifaschist*innen aus der Ukraine und aus Russland«, die dutzende Veranstaltungen mit der von faustdicken Lügen erfüllten Propaganda zur Rechtfertigung der russischen Invasion und Aufrufen zur »internationalen Solidarität« mit den beiden dezidiert extremrechten »Volksrepubliken« einschloss. Die Rote Hilfe rühmt sich inzwischen mit einer »fünfstelligen Summe«, die den »Antifaschist*innen in der Ukraine« zur Verfügung gestellt wurde.

Trotz der lange andauernden Kritik behauptet die Rote Hilfe weiterhin , dass die »Solidaritätsgelder aus dem erstaunlich hohen Spendenaufkommen bereits mehreren Einzelpersonen aus unterschiedlichen (!) linken Spektren zu Gute kamen«. Unseres Wissens entspricht diese Information nicht der Wahrheit. Wir haben nie gehört, dass jemand außerhalb der prorussisch-autoritären Borot’ba von der Roten Hilfe unterstützt worden sei. Höchstens kann es sich um irgendwelche nicht einmal rotlackierten russischen Nationalisten gehandelt haben, die durch Borot’ba vermittelt wurden. Die Rote Hilfe hat nie versucht einen Kontakt mit uns aufzunehmen und wir haben nie eine Kontaktaufnahme mit der Roten Hilfe gesucht. Mehr noch: Eine Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Organisationen wie der Roten Hilfe ist für uns ausgeschlossen.

Wir rufen alle Linken im Ausland dazu auf, sich für einen Informationskrieg nicht missbrauchen zu lassen und einen möglichst differenzierten Blick auf die Geschehnisse in der Ukraine zu gewinnen. Dabei sind wir — die Unterzeichner*innen dieser Erklärung — immer bereit euch zu helfen.

 

Autonomous Workers’ Union

Antikapitalistischer Widerstand

9. Januar Komitee (Ukraine)

Direct Action

Prostory

Tovaryshka

Roksolana Mashkova, Aktivistin

Ivan Shmatko, Aktivist

Yustyna Kravchuk (Visual Culture Research Center, Political Critique)

Oleksiy Radynski (Visual Culture Research Center, Political Critique)

Natalka Neshevets (Visual Culture Research Center, Political Critique)

Kyrylo Tkachenko

Yakiv Yakovenko

 

http://nihilist.li/2014/12/16/nam-ne-potribna-vasha-pidtrimka-wir-brauchen-diese-unterstutzung-nicht/

https://linksunten.indymedia.org/de/node/129921

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